Drei Fragen an Federica Manzon
ALMA ist ein großer Roman über Triest, der die Geschichte der Stadt im Schicksal seiner Protagonistin Alma widerspiegelt. Welche Verbindung hast du zu Triest?
Triest ist nicht die Stadt, in der ich geboren bin, aber es war der Ort, an dem ich mit 19 Jahren zufällig hingezogen bin und mich sofot heimisch gefühlt habe, als ob die Stadt für mich „zu Hause“ wäre – der Ort, an den ich immer wieder zurückkehren könnte. Ich glaube, dieses Gefühl der Zugehörigkeit hat mit dem Meer, dem Wind und der Grenze zu tun. Für mich war Triest vor allem ein Geschenk der Freiheit und der Möglichkeiten. Die Vorstellung, dass man alles sein kann, was man will, glaube ich, kommt von seinem demokratischen Ufer und Strand, der gleichzeitig offen und weit, aber auch urban ist, der Reiche und Arme, Junge und Alte, Männer und Frauen zusammenführt – alle auf demselben Streifen Beton am Wasser, mit einer sehr sportlichen Art von Hedonismus. Und dann gibt es die Grenze: diese Idee, dass ein anderes Land vor der Tür liegt, bedrohlich und verlockend, das dich ruft, um zu sehen, ob es dort besser ist, ob ein anderes Leben möglich wäre, während wir hier unser Leben leben. Und dieser Wunsch nach mehr Leben ähnelt für mich sehr dem Grund, warum wir schreiben und lesen.
Der Roman erzählt auch eine große Liebesgeschichte. Alma und Vili werden jedoch durch die Turbulenzen der Balkankriege getrennt, in denen nichts sicher ist und sich die Allianzen vermischen. Am Ende des Romans finden sie sich wieder. Ist ein neuer Anfang möglich?
Die Liebe zwischen Alma und Vili ist, wie vielleicht alle großen Liebesgeschichten, auch eine Geschichte von Gespenstern. Sie ziehen sich an, missverstehen sich, trennen sich, finden sich wieder, weil die Gespenster der Geschichte, die sie zuvor durchlebt haben, und die, durch die sie hindurchgehen, sich immer dazwischen stellen und die Karten neu mischen. Alma wird sich irgendwann fragen: Hätte ich Vili genauso geliebt, wenn er nicht der Exilant aus dem Osten gewesen wäre? Wahrscheinlich nicht. Als sie sich wiederfinden, am Ende des Romans, hat Alma mit ihrem Erbe, Vili mit seinem, mit dem ihrer Familien, aber auch mit dem ihrer Länder, mit dem Krieg, abgeschlossen: sich wiederzufinden ist eine Erleichterung, sie atmen endlich auf. Sie stehen an der Schwelle eines neuen Anfangs, und vielleicht ist es gerade dieses „an der Schwelle sein“, das ihr Idealzustand ist. Auf einer Insel, denn es ist immer auf Inseln (die Zuflucht von Schiffbrüchigen, Kriminellen, verlassenen Kindern), dass wir Zuflucht finden, neu anfangen und uns ein neues Leben ausdenken können.
Alma ist eine geheimnisvolle und flüchtige Frau. Wie hast du sie gefunden, und was fasziniert dich an Triest?
Alma ist für mich die Luft des Ostens. Sie ist eine Frau, die viele Eigenschaften der Frauen in sich trägt, die ich aus der mitteleuropäischen Grenzregion kenne – Reisende, Fotografinnen, Künstlerinnen, die weit entfernt sind vom italienischen Ideal der Frau, die der Familie dient. Das liegt unter anderem daran, dass in Triest und den umliegenden Dörfern der Analphabetismus bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts besiegt war (in Italien wird es bis nach dem Zweiten Weltkrieg dauern), die Mädchen damals weiterführende Schulen besuchten, viele Sprachen sprachen und am kulturellen Leben in Theatern und Cafés teilnahmen. Kurz gesagt, sie waren gebildet, frei, autonom. Diese Unabhängigkeit hängt für mich auch mit einer gewissen Unsicherheit der Identität zusammen, die diese Frauen etwas Geheimisvolles verleiht, so, als wären sie immer auf der Flucht. Wie der Wind aus dem Osten, der plötzlich kommt, dich erschüttert, dir den Kopf verdreht (legendär in Italien ist die Schönheit der Mädchen aus Triest), sich auf das Meer legt und wieder verweht, den du niemals ganz fassen kannst. So ist Alma. Ich habe sie gefunden, als sie an einem Winternachmittag am Ufer von Barcola entlangspazierte, die dalmatinische Küste im Osten betrachtete und von einer Reise träumte.
In unserer Welt, die immer homogener wird, in der Identitäten scheinbar ein für allemal festgelegt sind und aus einzelnen Elementen bestehen – einer Sprache, einer Nation, einer Familie –, verkörpert Triest das Gegenteil. Die Stadt lebt in Widersprüchen, Unterschieden und Mischungen. Innerhalb weniger Straßen findet man die Synagoge, die serbisch-orthodoxe und griechisch-orthodoxe Kirche, die Waldenserkirche, man hört Slowenisch, Serbisch, Deutsch und natürlich den Triestiner Dialekt, man isst Canederli und Kaiserschmarrn mit Heidelbeeren, aber auch Ćevapčići mit Ajvar und Palačinke. Man blickt auf die österreichisch-ungarische Monarchie wie auf den Balkan, es gibt die Nostalgie des Imperiums, das gewesen ist, und den Drang in die Zukunft, der sich in einem der fortschrittlichsten physikalischen Forschungszentren der Welt manifestiert. All diese Elemente gehen nicht immer friedlich miteinander einher, die Gleichgewichte ändern sich ständig, nicht ohne subkutane Spannungen. Triest ist kein Schmelztiegel der Kulturen, denn hier vermischt sich nichts, die Kulturen stehen nebeneinander und nähren den streitlustigen Geist der Stadt, und doch koexistieren sie. Diese Bewahrung der Unterschiede, dieses Training in Komplexität, ist meiner Meinung nach das, was der Stadt ihre große Freiheit verleiht, denn auf ihren Straßen überwiegt der Stolz auf das Anderssein gegenüber dem Wunsch, sich anzupassen, die Originalität gegenüber dem Konformismus. Und das ist für mich ein Hauch frischer Luft, der viel mit den Gründen zu tun hat, warum ich schreibe.