Die Stimmen der Nacht

Übersetzt vonAgnes Krup

Für Leser von Chimamanda Ngozi Adichie und Chigozie Obiama

Lagos, 1960er Jahre: In einer Stadt voller Energie und Aufbruchsstimmung nach der Unabhängigkeit, lernt die selbstbewusste Margaret den in Großbritannien geborenen Benjamin kennen, der eine nigerianische Großmutter hatte und auf der Suche nach seinen Wurzeln ist. Sie verlieben sich und entdecken schon bald, dass sie mehr gemeinsam haben, als sie dachten. Aber dann wird Margaret psychisch immer labiler, und die Schatten jahrzehntealter Ereignisse in einem kleinen Dorf weit weg von Lagos bringen langsam aber unaufhaltsam den Bruch ... Ein mitreißender Roman über Schuld, Glaube und kulturelle Identität - und die Stärke der Frauen in einer patriarchalischen Welt.

»Ein vielschichtiges Debüt, in dessen verschlungener Chronologie sich die Wechselwirkungen zwischen Familien- und Zeitgeschichte spiegeln.« NEW YORKer

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Produktinformationen

Verlag

Pfaueninsel

Format

Buch (Hardcover)

Genre

Literarische Unterhaltung

Seitenanzahl

352 Seiten

Sprache

Deutsch

ISBN

978-3-69131-009-2

Drei Fragen an Tochi Eze


Ihr beeindruckender Debütroman erzählt die Geschichte einer Familie über vier Generationen hinweg, spielt in drei Ländern und erstreckt sich über fast ein Jahrhundert. Wie kam es dazu, dass Sie ein so komplexes Werk geschrieben haben?


Ich wusste von Anfang an, dass die erzählerische Gegenwart des Romans im Jahr 2005 liegen würde. Aber ich wollte auch einen Roman schreiben, in dem die Zeit selbst die Struktur des Buches ist. Deshalb sind die historischen Abschnitte zwischen zwei erzählerische Gegenwarten eingebettet – um zu zeigen, dass die Vergangenheit unberechenbar und störend ist; sie ist immer dazwischen. Daraus entstand letztlich der Spannungsbogen des Romans.


Aber je mehr ich schrieb – und dann mit meiner Agentin und den Lektor*innen überarbeitete –, desto mehr wurde mir klar, dass auch die Zeit innerhalb der Logik des Romans schwer zu kontrollieren war. Ein Abschnitt beginnt im Jahr 2005 und endet1962, trotz des Kapiteltitels, der etwas anderes vermuten lässt. Manchmal denke ich, dass diese Logik gut zum echten Leben passt, in dem Erinnerung und Erfahrung niemals linear verlaufen.


Zeit, so wie ich sie begreife, wirkt konstant und unheimlich – wie eine Kiste, in der wir gefangen sind, in der alles passieren kann und in der sich vergangene oder historische Ereignisse immer wieder in einer Art Schleife wiederholen können. Es ist fast wie ein Déjà-vu oder wie das Erwachen aus einem Albtraum, nur um festzustellen, dass man sich immer noch mitten im Traum befindet. Ich wollte also einen Roman schreiben, der mit diesem Konzept einer nicht abgeschlossenen Vergangenheit spielt, in der Ereignisse – psychische Zustände, Liebeserfahrungen, koloniale Zusammenhänge – sich immer an der Schwelle befinden und stets Gefahr laufen, sich zu wiederholen.


Eine meiner Protagonistinnen, Margaret, ist eine Frau, die glaubt, von Ahnen aus ihrer Vergangenheit heimgesucht zu werden. Für sie ist psychische Krankheit eine Art Schleife, in der Vergangenheit und Gegenwart nicht voneinander zu trennen sind. Das gilt auch für ihre Beziehung zu ihrem entfremdeten Liebhaber Benjamin – einer weiteren Figur, die in einer anderen Art Zeitschleife gefangen ist, allerdings eher kulturell und identitätsbezogen. Eigentlich scheint jede Figur – insbesondere die kolonialisierte Igbo-Gemeinschaft im Roman – von einem vergangenen Ereignis gefangen, das sich gleichzeitig gegenwärtig und unausweichlich anfühlt, generationenübergreifend. Dieses Gefühl, dass Geschichte nie abgeschlossen ist, hat letztlich Struktur und Aufbau des Romans maßgeblich geprägt.



In Ihrem Buch begegnen wir den Brüchen innerhalb der nigerianischen Gesellschaft – gefangen zwischen Moderne und Tradition – sowie dem Nachhall des Kolonialismus. Gleichzeitig erzählt es eine kraftvolle Liebesgeschichte, die kein glückliches Ende findet. Würden Sie DIE STIMMEN DER NACHT als einen afrikanischen Roman bezeichnen – oder als einen Roman, der zufällig in Afrika spielt?


Ich denke, dass der Roman zwischen verschiedenen literarischen Traditionen steht – so wie es dem postkolonialen Impuls entspricht, aus mehreren historischen und kulturellen Einflüssen heraus etwas Neues zu schaffen. Der Roman spielt z. B. im Jahr 1905 in Igboland, zu einer Zeit, als „Nigeria“ noch nicht als einheitlicher Staat unter britischer Herrschaft existierte. Dann geht es weiter in die Zeit der Unabhängigkeitsbewegung der 1960er-Jahre sowie nach Atlanta und London – der Roman ist also zutiefst afrikanisch und gleichzeitig voller „anderer“ Orte.


Gleichzeitig stellt eine Figur wie Benjamin das Konzept dessen, was es bedeutet, afrikanisch zu sein oder sich afrikanisch zu fühlen, in Frage. Es geht um die Spannung zwischen einem afrikanischen Bewusstsein und einer tatsächlichen Verbundenheit mit dem Kontinent – also letztlich darum, wie wir kulturellen Kontakt und historische Beziehungen aushandeln. Wenn ich es so betrachte, fällt es mir schwer, klare Linien zu ziehen, die den Roman eindeutig innerhalb oder außerhalb Afrikas verorten, es sei denn, man erlaubt diesen Linien, sich zu überschneiden.


Afrikanische Literatur ist an sich grenzenlos – sie reicht von mythischen Erzählungen bis hin zu Migrationsnarrativen. Unsere Geschichten passen gut in das Raster der Weltliteratur, ohne ihre kulturelle „Reinheit“ zu verlieren. Deshalb würde ich sagen: Der Roman ist afrikanisch in seinem Geist, aber global in seinem Erzählbogen, seinen Themen und seiner Struktur.



Sie selbst sind in Nigeria aufgewachsen. Welche Kindheitserinnerungen haben ihren Weg in den Roman gefunden?


Haha, einige – sogar ohne, dass es beabsichtigt war. Wobei ich sagen würde, es handelt sich eher um eine übersetzte Perspektive als um eine direkte Abbildung meiner eigenen Erfahrungen. Margaret etwa wirkt auf mich nicht bloß wie eine narrative Figur, sondern ist mir sehr vertraut, weil ich bei meienr Mutter ähnliche Visionen erlebt habe – dem Gefühl, dass jemand ihr etwas antun wolle etc. Natürlich hatte ich als Kind weder die Sprache noch das Verständnis, um zu begreifen, was geschah. Deshalb ist Margaret mir als Figur vielleicht vertrauter als jede andere im Buch.


Manchmal wünschte ich, ich hätte eine Szene mit einem Exorzismus in einer Kirche einbauen können – das ist in Nigeria eine häufige Form, mit psychischen oder „spirituellen“ Problemen umzugehen. Oder Margaret hätte aus einem Krankenhaus fliehen können ... Aber letzten Endes ist Fiktion immer nur eine Annäherung oder Neuerfindung des echten Lebens.


Es gibt aber auch ganz konkrete Erlebnisse – Gerüche, Texturen, Speisen –, die es direkt ins Buch geschafft haben. Zum Beispiel das Leben in Ikoyi, das heute wie ein verschlafener Vorort wirkt und wo kaum noch etwas an die britische Kolonialsiedlung von einst erinnert. Andererseits ist das fiktive Arina-Viertel inspiriert von real existierenden Wohngebieten in Lagos, in denen sich die Gentrifizierung bemerkbar macht: Gated Communities existieren dort Seite an Seite mit Vierteln für Obdachlose. Die Schauplätze und die kulturellen Kontexte sind mir also aus meiner Kindheit sehr vertraut – auch wenn sich meine ganz persönlichen Erinnerungen nicht immer eins zu eins auf die einzelnen Szenen übertragen lassen.

Tochi Eze

Autorin

Tochi Eze ist eine Schriftstellerin und Juristin aus Nigeria. Sie promoviert derzeit in Englischer Literatur an der University of Virginia. Die Stimmen der Nacht ist ihr erster Roman.

Portrait: Tochi Eze

© Amanda Maglione

Produktbild: Die Stimmen der Nacht (9783691310092 )

Die Stimmen der Nacht

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