Drei Fragen an Ruth Olshan
IMMERGRÜN ist die Geschichte deiner Mutter und auch deine eigene – die Geschichte einer Emigration, die jedenfalls für deine Mutter nicht gut ausgegangen ist, weil sie im Exil nicht das Leben leben konnte, das sie sich gewünscht hat. Was hat dich dazu bewogen, diese Geschichte gerade jetzt aufzuschreiben?
Die Idee kam von einer Freundin, nachdem ich ihr vom Sterben meiner Mutter erzählt hatte. Die eigene Mutter in den Tod zu begleiten, hat mein Leben komplett umgestülpt. Es gibt ein Davor und ein Danach. Sie war sehr klar in diesem Prozess, wir beide waren es. Ich wollte ihr diesen letzten Gang so gut wie möglich gestalten, sie unterstützen. Niemand kann wirklich nachvollziehen, wie es sich anfühlt zu sterben, nach innen zu gehen, alles, was man kennt, loszulassen. Danach habe ich die ersten Textteile geschrieben. Es glich eher einer Ansammlung von Textfetzen, alles sehr schnell runtergeschrieben, weil ich nicht wirklich tief in meine Erinnerungen eintauchen wollte. Mit den Jahren - denn es dauerte Jahre, bis ich Zeit und Mut fand weiterzuschreiben - wurde mir bewusst, wie mutig meine Mutter ihr Leben in den letzten Jahren gelebt hat trotz ihrer Krankheit und trotz der Trauer darüber, dass sie ihre Kunst nie wieder ausleben durfte oder konnte.
Migration, Verlust von Kultur, Sprache, Heimat: Die Herausforderungen als Migrantin mit biografischen und religiösen Ungenauigkeiten, mit denen sie sich als Frau und Künstlerin und später Alleinerziehende in West-Berlin in den 1970er und 1980er Jahren konfrontiert sah - diese Themen ihrer Biografie stehen auch für etwas Übergeordnetes, etwas, das heute ebenso gilt. Es geht auch darum, wie Menschen würdevoll während dieser schwierigen Phase der Migration behandelt werden von der Gesellschaft, die sie aufnimmt. Meine Mutter war immer sehr dankbar für die Hilfe, die wir erhalten haben, dennoch musste sie auch mit vielen Herausforderungen umgehen. Sie hat der Gesellschaft mit ihrer Arbeit als Altenpflegerin einiges zurückgeben wollen und können. Das zu erzählen, ist vielleicht für unsere heutige Zeit interessant, so hoffe ich.
Was hat es mit dem Titel IMMERGRÜN auf sich?
Das Lied, das meine Mutter in den Westen gerettet hat in Form einer kleinen Platte, war „ihr“ Lied, ein Evergreen für sie, vielleicht auch für einige Radiostationen, die Oldies spielen. Es war für mich als Kind ein wichtiges Lied. Man hört den schönen Mezzosopran meiner Mutter, der Sound ist anderes, 60ger Jahre Bigband. Und der Text ist so bezeichnend für ihr Leben. Ein Schiffchen, das keine Angst haben soll, auf das große weite Meer hinauszufahren, den Stürmen zu trotzen. Die Liebe wird am Ende des Horizonts auftauchen. Ein wenig kitschig, aber bezeichnend für die Lebenshaltung meiner Mutter.
Evergreen heißt wörtlich übersetzt Immergrün. Diese Pflanze ist erstaunlich, da sie auch harte Wetterbedingungen überlebt. Das passt auch zu meiner Mutter.
Dir gelingt es, mit einer wehmütigen Leichtigkeit über eine sehr schwere Kindheit zu schreiben. Wie blickst du heute auf deine Jugend und auf deine Familie?
Ich bin mir nicht sicher, ob ich meine Kindheit als „sehr schwer“ bezeichnen würde. Vieles war zwar anstrengend - die Armut, die Verzweiflung, die Krankheit -, aber ich hatte so viele gute Menschen an meiner Seite und Freundinnen - bis heute übrigens. Die wenigen staatlichen Anlaufstellen für Unterstützung, die es damals gab, haben wir genutzt, und meine Eltern haben mir ihre Liebe zur Kunst, Literatur, Film, Musik, haben mir ihren freien Geist mitgegeben. Das ist viel, und genau das weiß ich heute so zu schätzen.
Und die Leichtigkeit kommt auch aus meinem Elternhaus. Nicht immer, aber oft wurde am Ende über dieses und jenes, was uns im Moment des Erlebens schlimm erschien, dann doch gelacht. Meine Mutter machte Witze über sich selbst und über ihre Krankheit. Es hilft, wenn man lernt, sich nicht nur wichtig zu nehmen bzw. wenn man unterscheiden lernt, was wann wichtig ist. Natürlich mussten erst sie, später ich darauf achten, dass entweder meine Mutter oder ich versorgt sind, aber es gibt auch viele andere Menschen, die Hilfe brauchen, deren Geschichten interessant sind. Auch das habe ich in meinem Elternhaus gelernt.
Aber abgesehen davon bin ich eine Pathos-Allergikerin. Ich suche immer das Feine, das Leichte, auch das Humorvolle, wenn sich mir die Chance bietet und wenn es angebracht ist. Manchmal muss man sich einfach vor dem Schicksal verneigen und es akzeptieren, wie es ist, um dann bestmöglich das eigene Leben zu gestalten oder anderen Menschen Unterstützung anzubieten.
Der Rückblick auf meine Jugend ist von Dankbarkeit geprägt. Meine Eltern haben die Sowjetunion und Israel verlassen, weil sie der Familie eine bessere Zukunft ermöglichen wollten. Dafür haben sie sehr viel aufgegeben, wie viele Emigrant*innen, egal aus welchen Ländern. Die Heimat zu verlassen oder sie verlassen zu müssen, ist sehr oft ein Opfer. Ich kann das gar nicht genug wertschätzen. Deshalb überwiegen die Dankbarkeit und die Freude am Schreiben, am Gestalten, am Lehren und Lernen und immer wieder die Selbstkorrektur. Manchmal muss auch ich mich an das Wesentliche erinnern, um im Himmel das helle Blau zu sehen und nicht die dunklen Wolken.