Hier war es Cover-Liebe auf den ersten Blick. Das Cover ist ein wirklicher Blickfang. Der Titel dazu hat mich neugierig gemacht und der Klappentext war dann der Grund, warum ich mich für dieses Buch beworben habe. Ich hatte erwartet, dass ich eventuell einige Parallelen aus meinem Leben hier wiederfinden würde. Die habe ich dann wirklich auch gefunden, aber bei einem ganz anderen Thema, was ich so nicht erwartet hatte.Sigrid, 21 Jahre alt, hinterlässt Abschiedsbriefe an ihre Schwester Margit und Familie. In mehreren Versuchen bemüht sie sich, diese Briefe so zu formulieren, dass niemandem die Verantwortung für ihren Suizid zugeschrieben wird. Mit jedem neuen Versuch erfahren wir mehr und mehr von der Familiengeschichte. In welchen schwierigen Familienverhältnissen Sigrid aufwachsen musste: wenig Geld, eine strenge katholische Erziehung, Gewalt und ein unsicheres Verhältnis zu ihren Eltern. Sie fühlt sich trotz Familie einsam und als Sonderling. Bis Greta in ihr Leben tritt und ihr hilft, sich weniger seltsam und allein zu fühlen. Sie zeigt ihr, dass sie nicht die einzige queere junge Frau in einer Kleinstadt ist. Ich hatte nach der Beschreibung eine ganz andere Geschichte erwartet. Die Beziehung zwischen den Schwestern in der Kindheit habe ich mir viel enger und die Geschichte weniger belastend vorgestellt. Vielleicht war das auch der Grund, warum die ersten 100 Seiten des Buchs sich zäh anfühlten, bevor ich endlich eintauchen konnte. Vielleicht waren es aber auch die schweren Themen, die hier besprochen werden. Es ist nicht allein der Suizid der Schwester, der die Erzählung in düstere Farben taucht, sondern ebenso die Themen, welche zahlreiche junge Menschen in der heutigen Zeit beschäftigen. Soziale Ungerechtigkeit, Gewalt in der Familie, sexuelle Gewalt gegenüber Frauen, Homophobie, Opioidsucht und das Leben in einer Kleinstadt als „Andersdenkende“. Es gab so viele Themen, die mich tief berührt und zum Innehalten gebracht haben – dieses „Unverstandenfühlen“ habe ich dabei richtig gut gespürt. Die Diskussionen, die Sigrid immer wieder führen muss, weil sie anders denkt als die Mehrheit der Kleinstadt. Nach dem schwierigen Start in das Buch haben mir die letzten 2/3 wirklich gut gefallen. Die Sicht von Schwester Margit hat dem Buch noch einmal richtig frischen Wind eingehaucht. Es ist kein Roman zum „kurz mal Weglesen“, sondern ein schweres Buch, das auch zu einem passen muss. Der Schreibstil ist besonders, ohne Umschweife und schnörkellos auf den Punkt gebracht. Es sind Abschiedsbriefe, Tagebucheinträge und Gedanken, weshalb der Roman wenige Unterhaltungen enthält. Ich kann mir vorstellen, dass es nicht zu jedem passt. Mich hat es am Ende überzeugt. S.15 „Im Moment habe ich meine Periode. Ich muss warten, bis sie zu Ende ist, bevor ich loslege. Ich will nicht mit einem Tampon begraben werden. Denn nicht mal der Tod könnte meine Periode aufhalten, glaube ich.“S.48 „Ich fand es seltsam, dass Drysdale so viele Ressourcen für eine Sechzehnjährige aufwandte, die ihre Hausaufgaben verbrannte, und so wenige für einige unserer größeren Probleme wie die Opioidepidemie, Obdachlosigkeit und ständige Hassverbrechen, aber davon verstehe ich wohl zu wenig.“S.88 „Greta und ich fühlten uns wohl, wenn wir zusammen waren. In ihrer Gesellschaft war ich so entspannt wie allein. In Gegenwart anderer Leute spürte ich hingegen eine seltsame Kluft, die mir selbst in großen Gruppen Einsamkeit bescherte.“S.256 „Greta und ich beschwerten uns häufig darüber, dass die Blicke während bestimmter Konversationen grundsätzlich zu uns wanderten. Einmal ging es in einer Gruppe um eine teure Rampe, die vor dem Rathaus gebaut werden sollte. Die Leute beschwerten sich über die Kosten. Ständig beäugten sie uns, um zu sehen, ob wir ihnen widersprechen würden. Greta stieg darauf ein. In sarkastischem Tonfall rief sie: „Ja, klar, Scheißrampen. Wer will schon behinderte Menschen im Rathaus haben? Wer eine Rampe braucht, kann sich mal ficken, stimmt’s?“