Es sind die 1960er Jahre in Lagos, als sich Margaret und Benjamin kennenlernen und ineinander verlieben. Benjamin ist auf der Suche nach seinen Wurzeln nach Nigeria gekommen: Seine Großmutter hat Anfang des 20. Jahrhunderts seinen Vater im kleinen Dorf Umumilo auf die Welt gebracht, dieser wuchs jedoch in Großbritannien auf und gründete dort seine eigene Familie. Margaret stammt aus dem gleichen Dorf, doch was zunächst als sympathischer Zufall erscheint, erweist sich schon bald als schicksalhaft: Benjamins Großmutter half Margarets Großvater dem Zorn der Gemeinschaft zu entkommen, den er aufgrund mehrerer Vergewaltigungen auf sich gezogen hatte; Benjamins Großmutter wurde dafür in die Verbannung geschickt. Margarets Familie glaubt daher, dass ein Fluch auf der Beziehung liegt und verweigert ihr die Erlaubnis, Benjamin zu heiraten. Doch in ihrer Jugend und ihrer Verliebtheit widersetzt sich das Paar dem Verbot, bald nach der Hochzeit wird zudem ihre Tochter Nwando geboren. Zeitgleich beginnt Margaret sich zu verändern: Sie sieht „die Wesen“ und glaubt, dass die Ahnen sich rächen wollen. Sieben Monate nach der Geburt fällt Benjamin in einem Moment der Überforderung eine folgenschwere Entscheidung und verlässt nicht nur Mutter und Kind, sondern auch Nigeria. Es wird 40 Jahre dauern, bis er zurückkehrt, um Margaret zu helfen, den Fluch, der auf ihrer Familie lastet, endgültig zu brechen.Tochi Eze erzählt in Die Stimmen der Nacht eine Liebes- und Familiengeschichte vor dem Hintergrund der Geschichte Nigerias. Margaret und Benjamin lernen sich kurz nach der Unabhängigkeit kennen, die schicksalhafte Beziehung zwischen ihren Familien ist Folge der Kolonialisierung durch die Brit:innen. Benjamin vereint in seinem Stammbaum nigerianische und britische Wurzeln, die Liebe seiner Großmutter zu einem jungen Engländer führte zu einem Ausschluss aus der Dorfgemeinschaft; Margaret wächst als Ziehenkelin des Stammesführers auf, der mit den Brit:innen paktiert und ihr eine westliche Bildung zukommen lässt. Doch wo Benjamin durch und durch assimiliert ist, lebt Margaret ein Nebeneinander von Moderne und Tradition, Wissen und Aberglaube. Im Umgang mit ihrer psychischen Erkrankung finden beide nicht zueinander: Benjamin sieht seine Frau an die Schizophrenie verloren, Margaret glaubt, dass ihre Vorfahren sie für die unmoralische Beziehung mit Benjamin bestrafen. Dieser Konflikt setzt sich auch in der nächsten Generation auf: Nwando glaubt als junge, moderne, in der Großstadt aufgewachsene Frau an Diagnostik und Therapie; Margarets Angehörige aus Umumilo drängen darauf, die Ahnen zu beruhigen und den Fluch zu bannen.Es ist dieses Aufeinandertreffen von Ratio und Glaube, das Tochi Eze in ihrem Debütroman glaubhaft schildert und zwar so, dass sie beide Haltungen ernst nimmt. Insbesondere westlichen Leser:innen vermittelt sie die Bedeutung der eingeborenen Riten, Traditionen und Gebräuche deutlich und schafft Verständnis für Margarets Lage und Handeln. Die Stimmen der Nacht lebt von diesem Spannungsverhältnis wie von der Multiperspektivität, die dem Roman eine grundsätzliche Dynamik und Spannung verleiht. Eze lässt abwechselnd Margaret, Benjamin und die Ahnen in einzelnen Kapiteln zu Wort kommen, zudem wechselt sie zwischen früher Vergangenheit (Beginn des 20. Jahrhunderts), Margarets und Benjamins Kennenlernzeit ab 1960 und dem Jahr 2005, in dem beide – gemeinsam mit Tochter Nwando – wieder aufeinandertreffen.Der Roman lebt, wie gesagt, davon und braucht diese Erzählweise auch, um die Leser:innen bei Laune zu halten. Denn der eigentliche Erzählton ist distanziert, man kommt den Figuren nicht nahe, sondern beobachtet sie lediglich von außen. Zudem sind die Erzählstränge, die nicht in der Zeit der Kolonialisierung spielen, zäh und wiederholend: Gerade die Passagen in 2005 kreisen fortwährend um den Umgang Nwandos mit Margarets Erkrankung, zeigen dabei aber keinerlei Entwicklung oder neue Erkenntnisse. So hat die Geschichte auf knapp 350 Seiten etwas Ermüdendes, das durchaus stimmige Ende kann die Erleichterung, den Roman beendet zu haben, nicht völlig kaschieren. Für mich eine Geschichte mit einem interessanten Ansatz, die die Leserschaft aufgrund des sehr langsamen Erzähltempos aber irgendwann verliert.